…sehr schön
getroffen die Balance zwischen Kunsttext, der er ist, und Dokument (denn es ist
ja kein Rilke). Außerdem: Respekt!, sich neben Schauspielern rauszutrauen, die
aus der eigenen 'Authentizität' (oder wie immer mans nennt) gar nicht heraus
können - und in die man selber erstmal hinein muss. Kai Luehrs-Kaiser, am 6.2. auf facebook
Foto: Maria Campos Gisbert
Frühkritik: 'Protokoll Pankow" im
Theater Thikwa
Peter Pankow
hat schon in vielen Stücken des Theater Thikwa mitgespielt. Doch dieses Mal
geht es nur um ihn, ein ganzer Abend über sein Leben. Die Geschichten hat
Pankow dem Regisseur und Schauspieler Dominik Bender erzählt. Der hat sie zu
einer Textcollage zusammengebaut und spricht auch die meisten Passagen dieser
Inszenierung.
Peter Pankow ist geistig behindert. Viele Menschen machen einen Bogen um ihn,
das Sozialamt nervt und, was besonders schlimm zu sein scheint, denn darum
kreist der Abend auf der Studiobühne des Thikwa Theaters immer wieder: Frauen
und Sex sind für ihn in weiter Ferne.
Neben den Monologen gibt es kleine improvisierte Interviews zwischen den beiden
Darstellern. Peter Pankow berührt durch seine unverstellte Art: Schauspieler
und reale Person sind bei ihm eins. Immer wieder zieht er aus einer großen
Kiste Holzpuppen heraus, die er geschnitzt hat. Er stellt sie mit Namen vor und
ordnet sie in Gut und Böse. Sie sind das Personal einer durchdachten
Märchenwelt, mit der sich Pankow gegen die oft schmerzliche Realität wappnet.
Pankows Gedanken mäandern vor sich hin, vieles bleibt für den Zuschauer
undurchdringlich - zumindest rational. Was jedoch in diesen seltsam schwebenden
Texten rüber kommt, ist ein Ringen um geordnete Gefühle, das Auflehnen gegen
gesellschaftliche Tabus und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das berührt,
egal ob mit oder ohne Behinderung.
Regisseur Bender baut ganz und gar auf die poetische Kraft der Texte, es ist
eine träumerisch-versponnene Inszenierung. Niemals wird hier mit der
Betroffenheit der Zuschauer gespielt oder der moralische Zeigefinger gehoben.
Eine gelungene Inszenierung, traurig und komisch zugleich. Anna Pataczek, rbb-inforadio
Porträtcollage:
Protokoll Pankow
Peter Pankow
ist seit vielen Jahren als Schauspieler, Autor und bildender Künstler prägendes
Ensemblemitglied beim integrativen Theater Thikwa. Mit einer Collage aus
Pankows Texten, Bildern und Holzpuppen gibt nun Dominik Bender vom Theater zum
Westlichen Stadthirschen einen Einblick in den Kosmos eines behinderten
Multitalents. Pankow malt, tanzt und singt mit einer Inbrunst, die einem den
Zugang leicht macht. Bender ist mit auf der Bühne, spielt mal die
verständnislose Außenwelt, dann agiert er als Sprachrohr für Pankows
poetisch-versponnene Texte, die aus einer ganz eigenen Weltwahrnehmung kommen.
Immer wieder
tauchen darin Formulierungen und Wortschöpfungen auf, die „richtiges“ Deutsch
in den Schatten stellen. Die Bühne wird zum Innenraum eines Menschen. Bender
und Pankow finden dort Gefühle, Sehnsüchte und Schwierigkeiten, die nicht nur
Behinderte kennen: Wie bringt man die eigene Wahrnehmung in Einklang mit der
von anderen? Und eins gilt für alle: „Wenn Du kein Herz hast, kann man Dich
besiegen.“
Susanne Stern, zitty 4/2012
Peter Pankow ist seit über 30 Jahren als Autor, Schauspieler und bildender Künstler tätig. Bekannt wurde er als Darsteller des seit über 20 Jahren bestehenden Theaters Thikwa. Dominik Bender vom Theater zum westlichen Stadthirschen, ebenfalls Multitalent mit Hang zu Sprachschöpfungen, Dichtung und Fotografie, hat seit 2004 in etlichen Produktionen an beiden Theatern mit Peter Pankow zusammengearbeitet. In PROTOKOLL PANKOW ist ausgehend von zum Teil sehr intimen Interviews ein Text entstanden, in dem die beiden Schauspieler ihr künstlerisches Selbstverständnis und dessen gesellschaftliche Wertschätzung untersuchen. In ebenso komischer wie erhellender Art und Weise erlaubt Peter Pankow dabei auch so manchen Einblick in seinen privaten und biografischen Hintergrund. 17 skurrile Holzfiguren werden Zeugen des Geschehens.
"Ich leg mich
noch was hin. Ja. Jetzt ist der Puppenspieler auch weg. Puppe weg,
Puppenspieler weg, alle weg. Die Bühne ist voller Puppen und Puppenteile. Und
wir fühlen uns wie an der Puppenwand, mit Fäden überwacht, die unsichtbar sind.
Ja, und es gibt lauter Seelen, die uns beherrschen wollen. Seelen? Ja.
Menschen. Die uns beherrschen wollen? Die mit uns arbeiten wollen. Wir sind
aber keine Sklaven. Wir sind Puppen. Ja. Puppen. Wir sind Puppen aus
Fleisch und Blut." (Textauszug)
mit Peter Pankow
und Dominik Bender Regie: Dominik Bender Assistenz: Wolfgang Ullrich Bühne: Isolde Wittke Licht: Urs Hildbrand
KAFKA AM SPRACHRAND Wiederaufnahme 2012 DAS ZARTE WIRD JA IMMER ÜBERDROHT TROMPETE GALGEN FEUERSTRAHL Wiederaufnahme 2012 WEIL MORGEN GESTERN WAR MAISON DE SANTE
DIE FLIEGER
Theater Thikwa: SCHIPPELS TRAUM
- ein vorweihnachtliches Qualifying -
Angeregt von der scharfzüngigen bis
sarkastischen Sprache in Carl Sternheims Theaterstücken forschen wir abermals
nach dem komischen Potential, welches die bewusste oder grob fahrlässige
Verweigerung von Konventionen, Etikette und normierten Verhaltensweisen mit
sich bringt. Ausgestattet mit diversen Musikinstrumenten, hochwertigem
deutschem Liedgut, einigen Handicaps und einer großen Portion Unverschämtheit
im Umgang untereinander entstehen szenische Miniaturen und chorische Zumutungen
auf der Suche nach dem einzig wahren und echten Schippel.
Ausgangspunkt ist Sternheims
Szenario, in dem ein unehelicher, ungebildeter Proletarier von einer
bürgerlichen Chorgemeinschaft zwar als Bastard abgelehnt, aber wegen seiner
glockenhellen, makellosen Tenorstimme unbedingt gebraucht wird, um einen
Gesangswettbewerb zu gewinnen.
Vier Paare, Babsi und Ernst Schippel,
Petra und Don Schippel, Juliane und Uwe Schippel, Nena und Frankie Schippel
werden auf einen Parcours geschickt und von zwei eher undurchsichtigen Juroren
im Hinblick auf ihr musikalisches Talent und ihre weihnachtliche Kompetenz
begutachtet. Auf den Gewinner wartet die Abendkasse.
„Der Schippel ist ein gequältes Tier. Schippel ist eine
Wasserbett-Marke. Schippel ist eine Atomrakete. Ein Schippel ist der Anfang vom
Ende. Der Schippel ist ein schizoider Charakter. Das Schippel ist eine
Weltzeitkugel auf Abwegen. Schippel ist ein alkoholisches Getränk. Der Schippel
ist ein 475 km langer Tunnel. Schippel ist ein Minivulkan. Die Schippel ist
eine Liebe mit unendlichen Wiederholungen. Schippel ist eine Kneipe. Die
Schippel ist eine Kartoffelsorte.“
mit: Deniz Kurtulan, Almut
Lücke-Mündörfer, Luzy Mohr, Mereika Schulz, Nico Altmann, Dominik Bender, Wolfgang Fliege, Max
Freitag, Torsten Holzapfel, Ingo Joers, Tim Petersen, Wolfgang Weichert
Regie: Antje Siebers Co-Regie: Dominik Bender Bühne und Kostüme: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand
Wiederaufnahme 2012
"Jesus hat keinen Text"
KRIPPENSPIEL Wo findet Weihnachten statt? Im Fernsehen ganz sicher, so viel wissen die Kandidaten im vorweihnachtlichen Wettbewerb, den das Theater Thikwa mit viel Lust am Unsinn ausrichtet.
Dürfen die das? Witze machen über den kleinen Weihnachtsbaum, der so leicht verkrüppelt aussieht? Petra Schippel, Diakonin aus Hannover im steifen Festkleid, streicht zärtlich die müde nach unten hängende Spitze und hält einen sachlichen Vortrag über die Windbestäubung der Tanne. Die anderen sieben Kandidaten in diesem vorweihnachtlichen Wettbewerb kriegen sich nicht mehr ein vor Giggeln, eine Schulklasse in der Pubertät kann das nicht besser. Überhaupt, wie sie es lieben, sich doof anzustellen. Der Showmaster (Dominik Bender), der seine Kandidaten so vorführt, wie Kandidaten eben vorgeführt werden, kann es selbst kaum fassen, mit welcher Lust sie sich lächerlich machen: wer im Wettbewerb um den schönsten Weihnachtsbaum sein Krüppeltännchen am schnellsten unter Lametta begraben kann. Das Thikwa Theater gibt "Schippels Traum - ein vorweihnachtliches Qualifying". Natürlich ist das eine Persiflage auf Spielshows, Weihnachtsrummel und sentimentale Familieninszenierungen. In zwei, drei Szenen spielen sie dabei auf ein Stück von Carl Sternheim an, "Bürger Schippel", über einen verachteten Underdog, der nur ob seiner schönen Stimme Zutritt zur bürgerlichen Gesellschaft erhält. Sie alle identifizieren sich mit diesem Schippel, alle acht Kandidaten tragen seinen Nachnamen. Da steckt ein Ansatz zur bösen Satire drin, der den Blick von Carl Sternheim vom Anfang des letzten Jahrhunderts mit einer Kritik an der Lust der Medien, die Unterschicht auszustellen und im Bild zu vermarkten, kurzschließt. Das ließ sich am Anfang der Inszenierung, für die die Regisseurin Antje Siebers das erste Mal mit dem Thikwa-Ensemble aus behinderten und nicht behinderten Schauspielern gearbeitet hat, als Konzept erahnen. Allein die kritische Spur verlor sich bald unter der Begeisterung, mit der die Schauspieler ihre Kandidatenpaare aus Hannover, Neukölln, München und Magdeburg spielen. Neu war nicht nur die Regisseurin, auch vier der Schauspieler stießen erst dieses Jahr zum Ensemble. Das Gewebe von "Schippels Traum" ist locker genug, die unterschiedlichsten Darstellungsfähigkeiten zu integrieren. Das Stück arbeitet auch mit biografischen Zeugnissen der Einzelnen, die aber von ihren Autoren losgelöst in Monologen zusammenfließen. Der Showmaster spricht sie: Dann hat er seine blonde Perücke abgenommen, ein einsamer Scheinwerfer hebt ihn aus dem Dunkel hervor, und er erzählt von Weihnachtsabenden, geliebten und gefürchteten, im Heim und in der Familie, von Vorfreude und verdorbener Freude, von Liebe und von Heuchelei, vom Ausgestoßensein und vom Integriertseinwollen. Man beginnt zu ahnen, dass Weihnachten in einem Leben mit Behinderung eine andere, größere Bedeutung haben kann als für die, denen die Auseinandersetzung mit der Abweichung nicht abverlangt wird und soziale Zugehörigkeit sicher ist. Zu einem Höhepunkt läuft der Abend auf, als die Kandidaten zur Laienspielgruppe werden, um die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. "Ich bin Maria" ruft Frau Schippel aus Magdeburg, drohend klingt das, fast stampft sie mit den Füßen auf, damit man es auch glaubt. Die Hirten nölen, immer bloß Schafe; der Engel macht sich wichtig mit seiner Botschaft und will die Definitionsmacht über die Rollen der anderen behalten; Jesus, ohne Hemd auf dem Rücken liegend und mit den Beinen strampelnd, mault: "Mir ist kalt." - "Jesus hat keinen Text", fährt ihm der Spielleiter über den Mund. So viel zu Kunst, Macht und der Wahrheit des Theaters. Katrin Bettina Müller, die tageszeitung, 13.12.2011
Kafka im Theater – Zwischenwelten und Klang-Körper
Das „Experiment im Sprachlabyrinth“, in das der ebenso scharfsinnige wie empathiebegabte Regisseur und mitagierende Spiel(ver)führer Dominik Bender die Darsteller von Thikwa und die Zuschauenden verwickelt, darf als Leuchtfeuer in dem seit mehr als 100 Jahren brodelnden Meer der Kafkaexegese gefeiert werden. Denn dieser „Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll (!) überforderte Schauspieler“ überschreitet auf vielfältige Weise Sprach- und Wahrnehmungsgrenzen, erschafft Zwischenwelten und –gestalten, die Kafkas oft groteske Prosaminiaturen kongenial und mit bizarrer Komik erhellen. Diese Co-Produktion zwischen dem THEATER ZUM WESTLICHEN STADTHIRSCHEN und THIKWA ist eine Versuchsanordnung von Grenzgängern jenseits des Literarischen Quartetts und subventionierten Staatstheaters. Ideenreich von Anke Mo Schäfer und Dominik Bender choreographiert, ist sie in ihrer Untertreibung das Jemandwerden von Lauter Niemand: der „behinderten“ Akteure zu Laut- und Sinngebenden in all ihrer Widersprüchlichkeit - der verrätselten, (Tier-)Gestalten von Kafka zu nicht eben glücklichen Mitgeschöpfen. Dies alles als paradoxe, ja bitterböse Botschaften, jedoch in der Schwebe gehalten durch die Fülle nonverbaler Intermezzi und das dem epischen Theater verwandte dramaturgische Vorgehen: Wir erleben die anders begabten Schauspieler beim Probieren und in der Komik des Misslingens. Als Klang- und Resonanz-Körper, die den verstörenden Texten Gestalt und Ton verleihen. Im Entrée, wenn die Vierergruppe ihr Selbstverständnis formuliert (eine verschworene Gemeinschaft, die einen Fünften nicht duldet) ist das Ausgeschlossensein, der vergebliche Kampf um Zugehörigkeit Thema. Die Akteure beziehen (ihre) Position hinter einer minimalistisch mit einer Stuhlreihe ausgestatteten Bühne. Dabei agieren neben Dominik Bender, dem Impuls- und Textgeber, Karol Golebiowski in seinem eigenen Esperanto, der Assoziationsakrobat Wolfgang Fliege und die energische Corinna Heidepriem, die das Publikum mit dem Ausruf willkommen heißt „Die Tür ist zu!“. Das so erzeugte Gefühl, in einer Falle zu sitzen, stimmt ein auf andere Empfindungen, die die mit subtiler innerer Logik von Anke Mo Schäfer versammelten Kafkatexte evozieren. Etwa, einem nie erfüllbaren Wunsch nachzujagen, als unkonformer Mensch zu scheitern, einer existentiellen Zurückweisung oder Bedrohung ausgesetzt oder in seiner (künstlerischen) Einzigartigkeit nicht anerkannt zu sein wie in Kleine Fabel, Vor dem Gesetz, Der Geier und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. Tanz, Luftgitarrenspiel und Dumb Shows machen die Darsteller am „Sprachrand“ sicht- und hörbar und erhellen die Botschaften des Autors ebenso wie das fingierte Kafka-Symposium, bei dem Karol Golebiowski in eigenwilliger Lautierung den verschollenen Text „Der Hochsitz“ vorträgt. Die hier agierende Expertenrunde kann Kafkaexegeten wahrlich in Verlegenheit bringen. Die Mäuse - bei Kafka neben der Dohle, die das tschechische Äquivalent seines Namens ist und manches mit dem hier heftig vorgetragenen Der Geier gemein hat - kommen als Manna vom Bühnenhimmel, werden verzehrt und so erledigt: Josefine, die als Sängerin und Diva letztlich scheitert, kann auch ihr mäusisches Fiepen nicht retten. Tiere scheinen die besseren Menschen zu sein, wie im Bericht für eine Akademie und in Kreuzung, in dem Kafka eine von seinem Vater geerbte Kreatur, halb Lamm, halb Katze, vorstellt. Wenn sich die Akteure hechelnd, fauchend und fiepend an den vortragenden Bender und aneinander schmiegen, hat diese Kreatur zumindest im lebenden Bild einen Hort gefunden. Christiane Frettlöh / nachtkritik.de
Foto: Martin Pfahler
KAFKA AM SPRACHRAND // Drahtseilakt für 4 hoffnungsvoll überforderte Clowns //
mit: Dominik Bender, Wolfgang Fliege, Karol Golebiowski und Corinna Heidepriem Regie: Dominik Bender / Anke Mo Schäfer Bühne/Kostüme: Isolde Wittke Licht: Urs Hildbrand
Ein Experiment im Sprachlabyrinth auf einer zunehmend von weißen Mäusen bevölkerten Bühne. Vier ganz und gar unterschiedlich sprachfähige und sprechwillige Schauspieler konfrontieren sich mit bekannten und weniger bekannten Textminiaturen von Franz Kafka und reagieren darauf. Es entwickelt sich ein unberechenbares Spiel aus merkwürdigen Begegnungen an der Grenze, wo aus Laut Klang, aus Klang Sprache und aus Sprache Sinn entstehen. „Du musst nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze, und fraß sie. Ja gasam Gongrea hala pena adle Kahte pard Maus pa.“ Ein Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll überforderte Clowns, die Kafka statt ins Herz auch schon mal in eine Plastiktüte schließen...
theater zum westlichen stadthirschen Wiederaufnahme 2012
TROMPETE GALGEN
FEUERSTRAHL nach den "Gesprächen mit
Schizophrenen" von Leo Navratil
Wiederaufnahme 2012
„Also, es gibt ja Götter, das heißt, nicht solche, wie die
Griechen es gemeint haben, sondern solche, die die Welt erschaffen haben. Das
ist ja nicht ein Gott, die ganze Sternenwelt und alles, das müssen ja Götter
sein, viele. Ich hab gelesen - nicht vielleicht, dass ich es noch nicht gewusst
hätte, da hab ich schon längst alles gewußt -, aber ich hab gelesen - so
ungeschickt ausgedrückt -, ganz winzige Tierchen, unendlich viele, haben die
Welt gemacht. Und zwar aus dem Holländischen übersetzt. Aber das ist, erstens
einmal ist es irgendwie nicht intelligent ausgedrückt, und zweitens ist es
irgendwie unpietätsvoll! Die Götter sind so kleine Tierchen, die sind nicht
größer als eine fliegende Ameise. Dieses Geheimnis hat mir meine Mutter
anvertraut...“
Das Theater zum westlichen Stadthirschen
destilliert aus den berühmten Gesprächen mit den Gugginger Künstlern eine
Selbstbefragung, die sich auf die Suche macht nach einem Zustand, in den jeder
geraten kann, der die lapidare Frage „Wie geht es Ihnen heute?“ nach bestem
Wissen und Gewissen ehrlich zu beantworten versucht. Es geht also nicht um die
Rekonstruktion von Krankheitsbildern, sondern um das beinah alltägliche
Schwindelgefühl aus Panik, Sehnsucht, Scham und Euphorie, das hier mit
verblüffenden bis grotesken Welterklärungsmodellen gleichzeitig beschworen und
gebannt wird.
„Bender benutzt die Sprache wie ein Seziermesser.
Sehr konzentriert und sorgfältig schält er Schicht um Schicht aus den Texten
heraus, quälende Befindlichkeiten, visionäre Weltvorstellungen, Anwandlungen von
heiterer Unbeschwertheit, bis am Ende etwas dasteht, was mit sich ganz allein
ist: ein Mensch.“
Regine
Bruckmann, zitty „Es scheint aber auch
auf, dass die alternativen Wirklichkeiten nicht nur faszinierend für den
Betrachter, sondern ebenso Ausdruck des Leidens für den Betroffenen sind. Die
Theatermacher lesen sie bevorzugt als Dokumente des Wissens, Wahrnehmens und
Fühlens, die in den allgemeinen Erkenntnishorizont aufgenommen werden
sollten.“
Tom
Mustroph, die tageszeitung
„Immer wieder
kann man an entlegenen Spielorten in Berlin künstlerische Spitzenereignisse
erleben. Dominik Bender spricht 70 Minuten lang Texte von Schizophrenen...
voller Wahnvorstellungen und Widersinnigkeiten. „Winzige Tierchen" sieht einer,
die ihm in den Körper kriechen, und es sind die Götter, die die Welt geschaffen
haben, meint er. Einer will nicht essen und einer auf einer klitzekleinen
Trompete spielen. Einer hört „so ein Geräusch am Fußboden" und das ist
vielleicht die Großmutter, die sich verabschiedet. Einer schreit Worte heraus
und einer hört Sphärenklänge."
Joachim
Kramarz, THEATER RUNDSCHAU
Nach dem Leichenschmaus: im Gemeinschaftsraum sitzen der von hochgradiger Alterungsangst gepeinigte Fliesenleger Nathanael Stöcklein und seine im herkömmlichen Sinne völlig alterslose Jugendfreundin Viktoria Rebsamen. Die Erinnerungswilligkeit schwankt, das Verfallstempo ist verwirrend unregelmäßig, die Vergreisungsresistenz unberechenbar, die real gestohlene Lebenszeit beträgt etwa 75 Minuten und das Lebensziel ist vermutlich ein Friedhof in Berlin-Friedrichshain. Die Stimmen: Claudia Wolff, Eva-Maria Täubert, Gertraud Kretzer, Jean Améry, Peter Pankow, Susanne Howitz, Vincent Martinez, Friederike Mayröcker u.a. Und schemenhaft ein dritter Gast.
Alt sein ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden wächst wie die Zahl der Alten. Wir werfen einen inneren, persönlichen Blick auf ein allgegenwärtiges und sich doch ständig entziehendes Thema. Ausgangspunkt der Recherche sind ganz einfache, zum Teil intime Fragen: Wie fühlt sich älter werden an? Welche konkreten Erfahrungen verbinden sich damit, welche Ängste, Hoffnungen? Eine theatrale Bestandsaufnahme fügt sich zusammen aus erzählten Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen.
"Wie alt sind Sie eigentlich?" - "Hä?"
Foto: Anke Mo Schäfer
Vom Altwerden Anne Dessau
„Altsein ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden wächst wie die Zahl der Alten.“ Aus dieser Erwägung haben Anke Mo Schäfer und Dominik Bender vom Berliner theater zum westlichen stadthirschen „eine theatrale Bestandsaufnahme aus erzählten Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen“ initiiert. Der Abend heißt „Weil morgen gestern war“. Ort der Aufführung ist die Kapelle auf dem Friedhof in der Boxhagener Straße 99, Stadtteil Friedrichshain. Wo sonst trauernde Menschen sich still von ihren Verstorbenen verabschieden, sitzen jetzt die Zuschauer reihenweise hochgetürmt und schauen aufs weiträumige, sparsam möblierte Parkett. Drei DarstellerInnen, Maria Gräfe (hervorragend, vielseitig), Hannelore Wüst (sympathisch, kompetent) und Dominik Bender (bewährt, professionell), spielen, sprechen, zitieren aus Interviews mit älteren Menschen und jüngeren Freunden vom Theater Thikwa, der Spielervereinigung behinderter Akteure, die stets für überraschende, witzige und aberwitzige Texte gut sind. Prosa von Jean Améry, Friederike Mayröcker und Claudia Wolff fassen die einzelnen Passagen zusammen, erhellen und vertiefen die Aussagen zu den Themen Alter, Krankheit, Sterben, Tod. Die Monologe, Dialoge, Zitate und Sketches werfen Schlaglichter – auch grelle – auf ein Thema, das alle bewegt, auch wenn es zumeist verdrängt wird. Das ist gewiss kein lustiger Abend, doch die kluge Mischung der Texturen erlaubt sogar Heiterkeit, provoziert dann und wann ein Schmunzeln. Wie so oft bei den Protagonisten vom „stadthirschen“ ist eine gelungene Melange entstanden. Das gescheite Konzept wurde klug umgesetzt, die theatralische Aufbereitung überzeugt. Das Publikum folgt aufmerksam der Gedankenvielfalt zu einem Stoff, dem niemand entrinnen kann. Nur die da draußen in ihren Särgen, Urnen und Gräbern dicht neben der Kapelle haben es hinter sich. Ossietzky
INTERNET-Kommentar auf: http://www.twotickets.de Aki05 schrieb am 26.09.2008 um 22:35 Uhr: "Weil morgen gestern war" am 26.9.08 Ein sehr beeindruckendes Gastspiel des "Theaters zum Westlichen Stadthirschen" zum Thema Altern und Tod mit drei hervorragenden Schauspielern: In assoziativ aneinander gereihten Szenen und Gedanken erlebt man sehr intensiv unterschiedliche Erfahrensbereiche dieser Thematik - gar nicht so bedrückend, wie ich es etwas befürchtet hatte, sondern z.T. auch liebenswert-komisch, auf alle Fälle sehr berührend und absolut empfehlenswert! Vielen Dank für diesen schönen Abend!
- Und was passiert in deinem Kopf? - Alles in Ordnung, alles in Ordnung. Da is so, Berichte aus Garmisch, aus Reit im Winkl, das damals da ist doch die Geschichte draus geworden, Samstag fernsehen, da ist musikalisch alles, Musik kommt vom Fernsehen, jeden Tag, und wenn ich’s jetzt ausschalte, dann hörste’s auch. - Wie, wenn du’s ausschaltest? - Na, wenn ich den Fernseher anschalte bei mir zu Hause, dann ist die Musik ganz klar, ah herrlich, sag ich dir, wie Computer, Computer, kennst du doch Computer, dann machen die Bilder, und die Musik kommt vom Band, wunderschöne Musik, du hörst alles, Oktoberfest ist genauso, ich hör jeden Tag Musik, jeden Tag. - Du guckst auch jeden Tag Fernsehen? - Ja. - Hast du gestern was gesehen? - Nee, nix. - Gestern nicht Fernsehen geguckt? - Doch, nachts, Berichte. Aus Japan. - Ja? - Und zwar aus Polen.
mit: Silvina Buchbauer und Dominik Bender Interviews / Regie: Dominik Bender und Anke Mo Schäfer Raum: Isolde Wittke Licht: Urs Hildbrand
„Liebe ist was Zärtliches. Liebe ist was Angezogenes, ein Argument, da wo jeder Mann und eine Frau das gleiche Schicksal hat. Das geht wie so ein Spiel, so eine Anziehkeit, dann ist es so, als ob so eine Schwemmung dich erfässt, dann kannst du nichts mehr essen, dann bist du ein Träumer, es kribbelt, es nagt, es ist ein Fluss, und man bekommt so ein innerliches Pochen im Magen, im Herzen und Kreislauf. Das sind so Moleküle im Magen, was beide haben und die irgendwie zusammenpassen und die geben irgendwie einen Sinn. Liebe ist es nicht nur ins Bett zu gehen, sondern Gefühle massig klassisch, und so sich die Gene vom Mann zu einer Frau überentwickeln. Man kann sich ausweiten, mehr ausziehen und sehr gute Dinge miteinander machen. Man probiert das dann solange aus, bis man zusammenpasst. Man geht, man kommt, man geht, man kommt.“
Das Zarte wird ja immer überdroht
Zwei Stühle auf zwei kleinen Podesten, zwei Schauspieler, die nichts weiter tun, als darauf zu sitzen und zu reden, ein paar einfache Lichtwechsel - manchmal braucht die Interpretation der Welt nicht mehr. Diese Welt ist nah und fern zugleich. Denn eine Gedankenkette kann sozusagen vor der Haustür anfangen, sich ein Mal um den Mond winden, um danach auf den Küchenstuhl zu plumpsen. Ganz selbstverständlich. Gespräche mit den geistig behinderten Kollegen des Thikwa-Theaters während der Proben zu einem gemeinsamen Stück bilden das Textmaterial, das Dominik Bender und Silvina Buchbauer vom Theater zum westlichen Stadthirschen zum Schwingen bringen. Was die zu erzählen haben, über Liebe, den Alltag, das Fernsehen und Gott sprüht vor verblüffenden Wendungen, Witz und Weltenklugheit. Karl Valentin trifft Kafka - aber solche Vergleiche taugen für die eigentümliche Poesie dieser Lebens-Erfahrungen nur bedingt. Und ganz nebenbei wird klar, dass geistige Behinderung mit Dummheit gar nichts und mit anderer Wahrnehmung sehr viel zu tun hat. Bender und Buchbauer schlüpfen in keine Rollen. Sie lassen die Texte atmen. Allein, im Zwiegespräch, ganz behutsam. Mal hört sich das an wie ein etwas verrutschtes Frühstücksgespräch, mal wie eine gedanken- und auch sonst trunkene Sinnsuche in der Kneipe nachts um halb vier... Ein ganz großer, kleiner Zuhörabend. Gerd Hartmann, zitty 15/2006, ***
Textbuch und Audio-CD sind erhältlich unter info@stadthirsch.de jeweils 8 €, plus 1,45 € Versand
Im Kleisthaus: Das Zarte wird ja immer überdroht.
Von kobinet-Redakteurin Anke Glasmacher, Berlin (kobinet)
Zwei Stühle, zwei Schauspieler. Mehr braucht es nicht. Ach ja: Und einen Text. Und der hat es in sich. Am 11. Juni 2009 inszenierte das Berliner Theater zum westlichen Stadthirschen in einer szenischen Lesung "Das Zarte wird ja immer überdroht" im Kleisthaus. Das Stück entstand aus Gesprächen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Theaters Thikwa anlässlich einer gemeinsamen Theaterproduktion. Premiere war bereits im Oktober 2004. Doch seitdem, so Dominik Bender im anschließenden Publikumsgespräch, hat es sich immer weiter entwickelt. Dieser Text hat eine Eigendynamik. Die Schauspieler vom Theater zum westlichen Stadthirschen haben ihren Kollegen von Thikwa Alltagsfragen gestellt, aber keine alltäglichen Antworten erhalten. Die Gespräche drehen sich um Liebe ("Ich habe eine Frau kennengelernt. Die hat was. Am Herzen."), das Leben ("Man sagt ja, das Leben ist ein Geschenk Gottes, aber wenn das Geschenk kaputt geht, kaputt ist, man kriegt ein kaputtes Geschenk, möchte man es am liebsten zurückgeben."), um Gott ("Ach, Gott möchte ich mal gerne sehen. Aber der sieht so unsichtbar aus.") und Berlin ("Berliner sind so zugeschlossen. (...) Die werden immer unfreundlicher, weil die so arbeitslos sind."), um Träume und Ängste. Weise und lebensklug erscheint das eine, augenzwinkernd und humorvoll, bisweilen aber auch tieftraurig so manches andere. Das ist unsere Interpretation. Für uns werden Worte aus dem Kontext gerissen. Jeder Satz kann zu einem ungeplanten Angriff auf unsere Sicht der Dinge, unsere Wirklichkeit werden, auf deren alltägliche Sprachcodes wir uns verständigt haben. Und es bleibt die ehrliche Unverblümtheit, unsere festgefahrenen Blickwinkel wie selbstverständlich aus den Fugen zu heben. Das ist das große Verdienst der beiden Schauspieler/innen Silvina Buchbauer und Dominik Bender, sowie der Dramaturgin Anke Mo Schäfer, die die Interviews geführt, die Textpassagen transkribiert und sie mit großer künstlerischer Genauigkeit auf die Bühne gebracht haben. Dieser Abend bietet einen Sprachgenuss, der an die Poetik eines Ernst Jandl und die Stücke von Samuel Beckett erinnert. "Wie ein Schwarm sind die Autoren hier im Raum verteilt", sagt ein Zuschauer so poetisch wie treffend zum Schluss. Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten: Dieses Stück ist ein echtes Kleinod.
Wolfgang Fliege, eines der eigentümlichsten Ensemble-Mitglieder des Theaters Thikwa, ist als Schauspieler so unberechenbar wie als Persönlichkeit rätselhaft und scheinbar unergründlich. Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist, Musiker und Charmeur gleichermaßen und seine „Behinderung“ ließe sich vielleicht mit der totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns beschreiben. Aus seinen fast pausenlosen Selbstgesprächen, die auch geübte Assoziationsakrobaten in Erstaunen versetzen, hat das Theater zum westlichen Stadthirschen einen Text destilliert, der die Grundlage bildet für die Begegnung zweier Schauspieler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie schon unsere letzten Produktionen ist auch „Die Flieger“ ein Versuch, andersartige, befremdliche, vermeintlich unverständliche Formen von Wahrnehmung für unser eigenes Betrachten der Dinge aufzuschließen. Im Cockpit sitzen der von hochgradiger Flugangst gepeinigte Kapitän Dominik Bender und sein im herkömmlichen Sinne völlig fluguntauglicher Copilot Wolfgang Fliege. Die Flughöhe schwankt, die Fluggeschwindigkeit ist konstant knapp vor dem Strömungsabriss, die Flugdauer beträgt etwa 70 Minuten, das Flugziel ist vermutlich Berlin Tempelhof. An Bord: Captain Hook, Peggy March, der Graf von Luxemburg, Hans Messerschmidt, Vati, Mutti, Willy Kupka, Bob Dylan, Jesus, Klara, Herr Lackner und Frau Glockner.
DIE FLIEGER // eine Zuneigung mit Textkörper //
mit: Wolfgang Fliege und Dominik Bender Regie: Dominik Bender und Anke Mo Schäfer Raum: Isolde Wittke Licht: Urs Hildbrand
„Ein Clown vor dem Herrn“ Die Wahrheit im Assoziationsstrudel: „Die Flieger“
„Eine Frau kriegt ein Mädchen. Das dauert. Dauert lange. Da ist ein Ei. Wenn du’s rausnimmst, also dann siehst du die ganzen Fäden. Hier aus dem Bauch kommt das Kind raus. Und wenn der Oberarzt kommt, dann ist das fertig, das Ei. Und dann wird aufgemacht und wird verdreht, wird operiert, das macht der Oberarzt mit Gummihandschuhen. Der Vater, der geht raus. Der arbeitet, aber hart! Und das schreit. Das schreit und schreit immer mehr und mehr und mehr. Dann wird’s gewaschen.“ – Das sind Sätze, für die man jemanden wie Gerhard Polt gerne noch einmal in den Pantheon erheben möchte – wenn er sie denn gesagt hätte. Doch diese Passage stammt von Wolfgang Fliege, einem Schauspieler des Berliner Theater Thikwa. Gemeinsam mit seinem Bühnenpartner Dominik Bender kommt er Anfang August ins Kanderner Theater im Hof. Im Gepäck: Seinen Text „Die Flieger“. Oder vielmehr: „Den Monolog, den er halten könnte, wenn er denn könnte. Kann er aber nicht.“ So simpel ist das, und mehr Aufhebens will Bender über Flieges Behinderung gar nicht machen. Der Text, den Bender auf der Bühne spricht, ist ein eingedampftes und dramaturgisch eingerichtetes Surrogat aus Gesprächen, die er und Anke Mo Schäfer mit Wolfgang Fliege geführt und im Berliner Theater zum Westlichen Stadthirschen aufgeführt haben. Gespräche über Gott und die Welt, das Theater, das Planetensystem und natürlich die Fliegerei – Bender leidet unter extremer Flugangst, Wolfgang Fliege fliegt leidenschaftlich, beide sind große Flugzeugfans. Die Welt der Fliegerei bildet denn auch den Rahmen des Monologs: Beide Schauspieler sitzen im Cockpit eines Flugzeugs, Pilot und Copilot. „Es ist ein Flug durch den Kopf von Wolfgang Fliege“, beschreibt Bender die assoziative Zusammenstellung der Textteile. Weil Wolfgang Fliege seinen Text nicht selbst auf der Bühne spielen kann, reagiert er auf ihn und auf seinen Partner – in gewissem Rahmen geplant, letztlich aber spontan und reichlich unberechenbar. „Er ist ständig in Aktion“, sagt Dominik Bender, „er reagiert, er provoziert, und er führt ständig Selbstgespräche“. Auch deshalb ist Bender an diesem Abend nicht einfach ein Schauspieler, der einen Text deklamiert oder eine Rolle spielt. Er ist selbst ständig gefordert. Als Mensch. „Jeder Abend ist anders, jeder Abend bringt andere Begegnungen. Auf der Bühne ist daher auch kein reproduziertes Stück zu sehen, sondern eine authentische, im Moment der Aufführung neu stattfindende Begegnung.“ Bender und Fliege haben sich vor vier Jahren kennen gelernt, als die Stadthirschtruppe erstmals mit dem Theater Thikwa zusammenarbeitete. Die Produktion brachte vier nichtbehinderte und zehn behinderte Schauspieler zusammen in „Maison de Santé“ nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe über einen Irrenarzt, der eine Klinik in Frankreich besucht. Dabei, sagt Dominik Bender, wurden Interviews mit den Behinderten geführt, aus denen ein weiteres Projekt entstand. „Und die witzigsten Szenen stammten von Wolfgang Fliege.“ Für seinen Kollegen – von dem er sagt, er sei „ein unfähiger Schauspieler, aber ein Clown vor dem Herrn“ – hat er großes Lob. Er sei einer, der ungefiltert kommuniziere und Formulierungen finde, die die eigene Weltsicht hinterfragten und oft poetische Dichte erreichten. „Oft sind seine Sätze komisch, aber sie haben stets einen wahren Kern.“ Wie gute und echte Komik eben sein sollte. Und bei aller Anstrengung, die ihm Fliege an schlechten Tagen – der auch mal müde, lustlos und passiv sein kann – abverlangt, Bender macht kein Hehl daraus, wie viel ihm die Bühnenbegegnungen selbst geben. „Wolfgang ist ein unglaublich liebenswürdiger und sehr charmanter Mensch.“ Einer, den man auf der Bühne nicht ausstellen wolle, sondern als ganzen Menschen ernst nehme und zu nichts zwinge. Einer auch, mit dem man sich gerne länger unterhielte. Doch: „Nach der Aufführung zieht er sich sofort um, verlässt das Theater und setzt sich in die Straßenbahn nach Hause.“ Schade, man würde gerne mehr von ihm erfahren. René Zipperlen
Wer ist der Clown?
ANNE DESSAU – Ossietzky 5/2007
„F40“ heißt jetzt die Spielstätte in der Fidicinstraße 40, Berlin-Kreuzberg. Die Marke vereint das English Theatre Berlin und das Theater Thikwa unter einem Dach. Am Abend der Premiere von „Die Flieger“ hatte das „theater zum westlichen stadthirschen“ Gastrecht im „F 40“. Wie bereits in der Aufführung „Das Zarte wird ja immer überdroht“ (OSSIETZKY 18/2006) waren auch hier Text und Aufführung eine Koproduktion zwischen stadthirschen und Thikwa. „Thikwa“ ist hebräisch, heißt „Knoten“, heißt „etwas ist verknotet“, bedeutet aber auch „Hoffnung, etwas zu lösen“. Zwei Schauspieler, zwei Welten begegnen uns in diesem Sinne. Dominik Bender, Gründer (1982) und Protagonist des stadthirschen und Wolfgang Fliege, über den es im Pressetext heißt: „ – eines der eigentümlichsten Mitglieder des Theaters Thikwa, als Schauspieler so unberechenbar wie als Persönlichkeit rätselhaft und scheinbar unergründlich. Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist, Musiker und Charmeur gleichermaßen und seine „Behinderung“ ließe sich vielleicht mit der totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns beschreiben.“ Aus den unendlichen Selbstgesprächen Flieges wurde ein Text gefiltert, er ist also nicht nur Akteur, sondern auch Autor des „Textkörpers“. Anke Mo Schäfer führt Regie. Berührung wird versucht. Auf der Bühne steht eine Kunstfigur, Dominik Bender, Flugkapitän im Stück und das Naturereignis Wolfgang Fliege, Co-Pilot. (Die notdürftige Rahmenhandlung versetzt den Betrachter in ein Cockpit in zehntausend Metern Flughöhe.) Um Flug und Stück auf Kurs zu halten, muß Dominik Bender sowohl den Flieger wie Fliege, Wolfgang lenken und leiten. Eine Glanzleistung, denn: Naturereignisse sind unberechenbar. Die Balance gelingt, obwohl der burleske Charme von Fliege, seine überraschenden, verdrehten, skurrilen Einfälle Dominik Bender oftmals überrumpeln. In dieser Doppelfunktion: Textintensiver Darsteller plus heimlicher Dirigent seines Partners, leistet Bender Hochartistik. Motto des Abends das Sprichwort: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind“. An diesem Abend sehen wir sie so und so, ganz nah und aus einem Abstand von zehntausend Höhenmetern. Mindestens. Es wird gelacht, geklatscht, man ist verwirrt, das Unmögliches möglich ist, Unvereinbares zusammen geht. So der skurrile, poetische, von Bender eindringlich vorgetragene Text sich verbrüdert mit den spontanen Einwürfen, dem Kichern und Gackern, Rülpsen, Tanzen und Hopsen, dem stillen Strahlen des weisen Mannes Fliege. Es ist die Performance eines weißen Clowns mit seinem Partner. Doch wer ist Clown, wer der andere? Die Antwort begegnet mir nach dem schönen Beifall für die Spieler, draußen auf der Straße. Einen Moment stand ich im Gespräch, da trat das Naturereignis Fliege aus dem Torweg, Kopf gesenkt, Tasche unterm Arm, Einspruch murmelnd, unfroh. „Alles vorbei?“, sage ich. Er, ohne aufzuschauen: „Alles vorbei, alles vorbei“ und stapft im Nieselregen über die Straße, hin zur U-Bahn. Drinnen im Haus wird gefeiert. Das sind so Momente. Voller Wahrheit. Ungeschönt schön. Tieftraurig. Wie dieser Abend.
Der Stadthirsch ist eines dieser Phänomene, die bei Gastspielen in jeder deutschsprachigen Stadt ausverkaufte Häuser herstellen können. Und es in Berlin mit ihrer Mischung aus traditionellem Handwerk und zeitgenössischen Themen nicht in den Szene-Fokus schaffen. In ihren Gründerjahren 1982/83 wurden sie mit Preisen überhäuft. Haben in Kunstmagazinen wie "du" Seitenstrecken abgeräumt, von denen jeder gerne träumt. Jetzt macht der harte Kern interessantes Theater auf hohem Niveau, das jeden, der da war, tief bewegt. Und nicht ein Bühnenbrett weniger. Fazit: Hingehen! Quelle: Qype, Das Beste der Stadt, MrMiddle
Manchmal weiß man als Zuschauer nicht, ob der Moment, in dem die Schwere der Traurigkeit in einen vielstimmigen Gesang des Lachens übergeht, geplant oder aus dem Augenblick geboren ist. Dieses furchtlos-muntere Aushandeln um die Ver-Rücktheiten der Welt beherrschen Wolfgang Fliege als "Herr Blau" und Dominik Bender als Erzähler "Herr Liebstöckel" perfekt. Respektlos fallen sie einander ins Wort, beschimpfen sich in teils unverständlichen Tiraden und sind so herrlich ernst dabei, dass es zum Weinen komisch ist.
MAISON DE SANTÉ - Einladung zur feinen Gesellschaft - frei nach Edgar Allan Poe’s Erzählung „Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders“
Koproduktion mit dem Theater THIKWA
Foto: David Baltzer
Eine Reise ins Glück Vollkommener Abend: "Maison de Santé" im Tacheles von Cosima Lutz, Berliner Morgenpost, 24.1.2005
Mildes mediterranes Licht scheint auf den Mauern des Tacheles zu tanzen. Ein Berliner Medizinstudent (Patrick von Blume) und mit ihm die Zuschauer reisen 1830 nach Südfrankreich, um ein modern geführtes Irrenhaus zu besuchen. "Maison de Santé - Einladung zur feinen Gesellschaft" nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe spiegelt in einer Koproduktion des "Theaters zum westlichen Stadthirschen" und dem "Theater Thikwa" das übliche Hinterfragen der Zuschreibungen von "irr" und "normal" gleich mehrfach: Schauspieler spielen Verrückte, die "Normale" spielen; Behinderte spielen "Normale", die vielleicht doch verrückt sind. Wo andere Theaterarbeiten dieser Art aufhören, fängt es hier erst an: Was im Tacheles passiert, ist die totale Kunst. Bevor der Gast die Einrichtung zu sehen bekommt, wird er vom Direktor (Dominik Bender) zum Diner geladen, einem karnevalesken Mahl mit hoher Balladenkunst und ungehobeltem Bänkelsang: "Hier tanzt das einfache Volk mit der feinen Gesellschaft." Der Gast ist das alter ego des Zuschauers, der es ganz genau wissen will - bis er durchdreht. Immer alles schön rauslassen, beruhigt ihn Prinzessin Annabelle (Heidi Bruck). Der Menschenversteher wird zum medizinischen Fall. Verwoben mit Texten und Liedern der Spieler, gerät Poes Erzählung in feinere Schwingungen, als soziale Nachdenklichkeit es fassen würde. Von der subtilen Lichtregie über das aufbrandende Stimmenchaos bis hin zu den leisen, vornehmen Dienern (Jonny Chambilla, Ronny Dollase) fällt nichts heraus aus diesem Stück um Freiheit und Kontrolle. Werner Gerbers Regiearbeit und Benders Rolle als autoritär-respektvoller "primus inter pares" bekennen sich nicht wohlfeil zur Souveränität der Behinderten; sie stehen und fallen mit den Denk-Bewegungen aller ihrer Künstler. Dies ist nicht erstaunlich, sondern zutiefst schön: Nicht nur zur Einsicht, daß die Grenzen zwischen "Wahn" und "Sinn" willkürlich sind, nein: zum "Genießen" will der Direktor seinen Gast bewegen. Der grübelnde Reisende muß es am Ende allein aushalten mit seinen Albträumen; der gestärkte Zuschauer aber, der sich dem Genuß dieser genialen Arbeit anvertraut, erlebt einen Theaterabend vollkommenen Glücks.
"Virginia Keaton-Martinez behind the red curtain" (Vincent Martinez)
Wer hat die Macht zu entscheiden, was als normal gilt und was als verrückt? Ob jemand zu den Patienten oder zum Personal in der Psychiatrie gehört, kann ein Zufall seiner Lebensgeschichte sein. Was passiert, wenn die Patienten dem Zufall ein bisschen nachhelfen? Schauspieler mit und ohne Behinderungen konfrontieren sich und das Publikum mit der Neugier und den Ängsten vor dem jeweils Anderen. Ausgangspunkt der Inszenierung ist eine Geschichte von E. A. Poe: Im Jahr 1830 reist ein junger Medizinstudent aus Berlin auf der Suche nach fortschrittlichen Methoden der Behandlung von „Geisteskranken“ nach Südfrankreich, um ein modern geführtes Irrenhaus zu besuchen. Anders als an der Charité, wo die Patienten noch mit alten, brachialen Foltermethoden gequält werden, soll hier in einem abgelegenen Château nach der Revolution die berühmte humane Methode aus England angewandt werden. Der Direktor Dr. Maillard bittet den weitgereisten Gast zu einem noblen Dîner, zu dem die vornehme Gesellschaft eingeladen ist, bevor er ihm am nächsten Tag die Einrichtung zeigen will... Die Inszenierung untersucht existentielle Grundfragen nach Würde und Wert des Menschen und deren Abhängigkeit vom Urteil der Gesellschaft. Sie spielt mit dem voyeuristischen Blick von außen auf ein ungewöhnliches Szenario der Verstellung. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden durchlässig, verschiedene Facetten von Irritation sichtbar. Zu erwarten ist eine Theateraufführung, die jeden Abend unvorhersehbar anders verlaufen dürfte.
"Monsieur Le Colonel" (Wolfgang Fliege)
MIT: Anna Katharina Andrees, Dominik Bender, Heidi Bruck, Jonny Chambilla, Ronny Dollase, Wolfgang Fliege, Torsten Holzapfel, Janette Lange, Almut Lücke-Mündörfer, Vincent Martinez, Peter Pankow, Patricia Schulz, Tim Petersen, Roland Strehlke, Patrick von Blume
REGIE & FASSUNG: Werner Gerber BÜHNE: Isolde Wittke KOSTÜME: Ulv Jakobsen LICHT: Urs Hildbrand DRAMATURGIE: Anke Mo Schäfer KONZEPTIONELLE BEGLEITUNG: Gerlinde Altenmüller PRODUKTIONSLEITUNG: Klaus Altenmüller, Dominik Bender
„Dominik Bender benutzt die Sprache wie ein Seziermesser. Sehr konzentriert und sorgfältig schält er Schicht um Schicht aus den Texten heraus, quälende Befindlichkeiten, visionäre Weltvorstellungen, Anwandlungen von heiterer Unbeschwertheit, bis am Ende etwas dasteht, was mit sich ganz allein ist: ein Mensch.“ Regine Bruckmann
„Es dauert eine Weile, bis die Antworten seltsam klingen, von Geistern die Rede ist, die er gehört hat, von ganz kleinen Göttern und furchterregenden großen Tieren - und wenn er die nachstellt und schließlich in einen Monolog übergeht, die Fragen also ausbleiben, da wird deutlich: Der Mann ist krank, und weiß es auch... Die Welt der Schizophrenie gibt sich nur in kurzen Augenblicken als in sich kohärent zu erkennen - tatsächlich verstehen wir sie nicht. Auch der Autor scheint sie nicht zu verstehen - aber er respektiert sie und legt uns nahe, sie auch zu respektieren. Verkörpert von einem so talentierten und reflektierten Schauspieler fällt das nicht schwer: ein kleiner, später Sieg für die Antipsychiatrie-Bewegung.“ Ekkehart Krippendorff
Foto: Martin Pfahler
„Immer wieder kann man an entlegenen Spielorten in Berlin künstlerische Spitzenereignisse erleben. Dominik Bender (von den westlichen Stadthirschen) spricht 70 Minuten lang Texte von Schizophrenen... voller Wahnvorstellungen und Widersinnigkeiten. „Winzige Tierchen" sieht einer, die ihm in den Körper kriechen, und es sind die Götter, die die Welt geschaffen haben, meint er. Einer will nicht essen und einer auf einer klitzekleinen Trompete spielen. Einer hört „so ein Geräusch am Fußboden" und das ist vielleicht die Großmutter, die sich verabschiedet. Einer schreit Worte heraus und einer hört Sphärenklänge. Dominik Bender steht vor uns in einem dreiteiligen gepflegten Anzug, wirft sich hin und verkrampft sich, kniet ermattet und verbeugt sich ergeben. Er spricht neun verschiedene Texte, die ineinander übergehen, aber auch deutlich individuelle Persönlichkeiten darstellen. Wer in Berlin außerordentliches Theater sehen will, sieht es eher als im Wagner-Zyklus der Staatsoper in diesem Einpersonenstück mit Texten von Schizophrenen.“ Joachim Kramarz
Foto: David Baltzer
„Früher glaubte man ganz genau zu wissen, was schizophren ist und was normal. Heute ist man sich da nicht mehr so sicher. Der österreichische Psychiater Leo Navratil hörte Menschen, die als "verrückt" abgekanzelt wurden, ganz genau zu und schrieb dann sein 1978 veröffentlichtes Buch "Gespräche mit Schizophrenen". West-Berlins älteste überlebende Off-Bühne schuf auf der Basis dieser Gespräche einen Solo-Abend für den Schauspieler Dominik Bender. Bei "Trompete Galgen Feuerstrahl" kommen die Fragen des Psychiaters aus dem Nichts und von Innen hört der Patient noch ganz andere Stimmen. Die verraten ihm: "Im Himmel ist es auch ganz schön oben." Mit solchen Sätzen schwingt sich der Schizophrene zur Höhe einer ganz eigenartigen poetischen Klarsicht auf. Götter, so enthüllt er uns, "sind so kleine Tierchen, die sind nicht größer als eine fliegende Ameise." Jeder Mensch habe einen solchen in sich und manchmal könne man sehen, wie er aus dem Auge des Gegenübers herausfliegt. Aus den Augen des großartigen Dominik Bender kann man viele Götter herausfliegen sehen.“ Berliner Morgenpost
„Die ausgewählten Texte entsprechen dem. Sie wollen ihre Welt greifbar machen, an deren Rändern sich der Sinn aufzulösen scheint: Für an Schizophrenie Erkrankte geht der Bezug zur "normalen" Realität verloren. Das kann anrührend sein, wenn der innige Wunsch nach einer kleinen Trompete oder nach Gottheiten in Gestalt fliegender Ameisen beschrieben werden. Gruselig wird es, wenn besagte Minigötter aus dem Auge herausfliegen, manche Bekenntnisse sind auch widerwärtig. Bender hat sich längst vom Naiven zum Verzweifelten und zum Rasenden verwandelt. Seine Zelle ist ein schwarzer Podest, das Fenster zur Außenwelt nur ein weißer Streifen. Parallel zum Krankheitsbild kann man nur vermuten, welcher der neun Interview-Partner gerade aus ihm spricht. Religiöses und Alltagsbewältigung, Introvertiertheit und Sorge um andere, helle Momente und Ausdruck tiefen Leids: Die Welt, die sich aufblättert, bleibt unzugänglich, doch gerade mit diesem Abstand lässt sich etwas Bekanntes erahnen: das Leben.“ Julia Brodauf
Foto: Martin Pfahler
„Die Inszenierung endet nach 70 Minuten dort, wo sie begonnen hat: im Dunkel. Dazwischen liegt eine spannende Reise in den Grenzbereich von Wahn und Normalität, die den außerordentlichen Ausdrucksreichtum, die tiefen Sehnsüchte und Abgründe der „verborgenen Künstler“ einfühlsam ans Licht bringt.“ Karin Nungeßer
„Es scheint aber auch auf, dass die alternativen Wirklichkeiten nicht nur faszinierend für den Betrachter, sondern ebenso Ausdruck des Leidens für den Betroffenen sind. Die Theatermacher lesen sie bevorzugt als Dokumente des Wissens, Wahrnehmens und Fühlens, die in den allgemeinen Erkenntnishorizont aufgenommen werden sollten.“ Tom Mustroph
DAS MÄDCHEN nach dem Roman "Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte" von Gaétan Soucy
REGIE: Erick Aufderheyde BÜHNE / KOSTÜME: Isolde Wittke MUSIK: Ernst Surberg DRAMATURGIE: Anke Mo Schäfer LICHT: Urs Hildbrand PRODUKTIONSLEITUNG: Dominik Bender MEDIENARBEIT: Artefakt Kulturkonzepte
MIT: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, Dominik Bender, Peter Pankow, Ernst Surberg und Markus Wechsler
Melancholische Sozialstudie Theater zum westlichen Stadthirschen spielt „Das Mädchen“ im Tacheles von Ulrike Borowczyk Wie bringt man seinen toten Vater unter die Erde? In einem Leichentuch oder einem Sarg am Rand des Pinienwalds? Es ist gar nicht so einfach, sich plötzlich in einem echten Leben wiederzufinden, das man nur aus Heiligengeschichten kennt. Eingeprügelt vom gestrengen Vater in der Abgeschiedenheit eines Schuppens neben dem heruntergekommenen Gutshaus. Erst allmählich offenbart die Inszenierung „Das Mädchen“ vom Theater zum westlichen Stadthirschen im Tacheles ihre Geheimnisse und gewährt tiefe Einblicke in den beklemmenden Mikrokosmos einer ganzen Kaspar-Hauser-Familie: Die Kindheit zweier Geschwister in völliger Isolation, aufgewachsen inmitten von Gewalt, Inzest, Hirngespinsten und religiösem Wahn. Dass die Bühnenadaption von Gaétan Soucys Roman „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ nicht zur tonnenschweren Sozialstudie gerät, sondern anrührend leicht mit melancholischem Witz daherkommt, ist der Regie und Fassung von Erick Aufderheyde und dem Spiel seines großartigen Darsteller-Ensembles zu verdanken. Sie verwandeln die groteske Familientragödie in eine Sternstunde des Theaters. Als „Schriftführer des Tages“ schlüpfen Angela Böhmer und Cathrin Romeis in die Rolle des Mädchens, das glaubt, ein zweiter Sohn zu sein. Die eine erzählt, die andere agiert. Dabei vermischen sich Rückblenden mit der Gegenwart: Dominik Bender lässt den grausamen Vater auferstehen. Markus Wechsler mimt den tumben Bruder und Peter Pankow zur allgemeinen Erheiterung das Pferd. Lediglich mit der Musik und den Sounds von Ernst Surberg unterlegt, benötigt das eindringliche Schauspiel keine Requisiten, kein Bühnenbild, um das bizarre, abgründige Universum einer gepeinigten Außenseiterin auf ihrer rätselhaften Identitätssuche greifbar zu machen. Berliner Morgenpost, 20. Februar 2006
Anne Dessau GRENZGÄNGER Im „Goldenen Saal“ des TACHELES in Berlin gastierte wieder einmal das „theater zum westlichen stadthirschen“. Der von den Zeitläufen zerfledderte Saal ist ideale Kulisse für die Bühnenfassung der literarischen Vorlage von „DAS MÄDCHEN.“ Unwirtliches Umfeld, verstörender Text, eigenwilliger Aufführungsstil, „kollektives theatrales Erzählen“genannt. Sechs Darsteller kommen auf die Bühne, stehen, gehen auf und ab. Grenzgänger zwischen Traum und Wirklichkeit, berichten sie die irritierende, schwer fassbare Geschichte. Vater, Mutter, Schwester tot, durch Erhängen, umgekommen bei einem Brand, ausgelöst durch ein „Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“. So der Titel des Romans von Gaètan Soucy, Montreal, nach dem die Erzählung für die Bühne erarbeitet wurde. Regisseur Erick Aufderheyde gelingt mit seinen Darstellern ein spannungsreicher Abend, der vermehrte Hirntätigkeit erfordert, die Puzzleteile des Spiels in eine verständliche Ordnung zu bringen. Doch man bleibt verführt, folgt dem Geschehen. Ein Sog entsteht, der auch den eingangs befremdeten Betrachter ins vielschichtige Psychodrama zieht: Rituale der Gewalt, exzentrische Moralvorstellungen, Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung, Tod und trotz alledem Lebenskraft. Mit der Geschichte von denen am Rande, den „borderlinern“ unserer sogenannten zivilisierten Welt, nimmt sich die Theatertruppe um Dominik Bender (seit 1982 leitender „stadthirsch“ und Schauspieler ) erneut eines Themas an, das sie bereits in anderen Arbeiten vorgestellt und verteidigt hat. Sie bezeugt die Kraft der Schwachen, deren Reichtum an Fantasie, zwingt zu Innehalten, Atempause im Tageskampf ums Monetäre und andere Werte, beweist ihre unentbehrliche Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies. Das Ensemble arbeitet hochkonzentriert, sehr professionell. Mitwirkende sind: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, (die Frauen beeindrucken besonders nachhaltig), Dominik Bender, Peter Pankow, Markus Wechsler, Ernst Surberg. Die Kopfarbeit hält an nach diesem Abend. Ein selten gewordenes Ereignis. Ossietzky 5/2006
Foto: David Baltzer
DAS GEHEIMNIS DER VERZAUBERTEN JUWELEN für Klavier und Sprecher von Juliane Klein (Text: Birgit Kolb)
Poetische und spannende Welt voller Klänge pw
Schreyahn. Mit großen Augen und offenen Mündern verfolgen die Jungen
und Mädchen Prinzessin Sophie-Charlottes (Emilia Kondratiev) Versuche,
ihre sechs Brüder und viele weitere Kinder zu befreien. Sie, »das
Kostbarste, was es gibt auf der Welt», hat der hinterhältige Zauberer
Fanfusko nämlich in funkelnde Juwelen verwandelt, mit denen er seinen
Mantel schmückt: Die spannende Musik-Geschichte »Das Geheimnis der
verzauberten Juwelen», die die Komponistin Juliane Klein und die
Kinderbuchautorin Birgit Kolb zusammen entwickelt haben, zog am Sonntag
viele Kinder und ihre Eltern auf den Künstlerhof Schreyahn. Das
Kinderkonzert war die Abschiedsveranstaltung des Schreyahner Herbstes
und auf seine Art eine Premiere: Zwar ist das Stück vor einigen Jahren
im Auftrag der Niedersächsischen Musiktage speziell für das
Herrenhausener Schloss entwickelt worden, wie Juliane Klein erzählt. In
Schreyahn trat jedoch zum ersten Mal die Hauptperson Sophie-Charlotte,
die sonst lediglich vom Erzähler vorgestellt wurde, in Erscheinung.
Diese Idee von Regisseur Holger Müller-Brandis machte das Stück nicht
nur szenischer und »fast zu einer kleinen Oper» (Juliane Klein), sondern
schenkte den kleinen Zuhörern auch eine Identifikationsfigur. Der
elfjährigen Emilia Kondratiev hat ihre Rolle Spaß gemacht, wenn sie die
wenigen, aber dafür intensiven Proben auch anstrengend fand. Sie
musste sich zwischen der von Sprecher Dominik Bender vorgelesenen und
vorgetragenen Handlung und der Musik von Juliane Klein zurechtfinden.
Letztere ist keineswegs nur eine Untermalung, sondern wichtiger
Bestandteil der Geschichte. Während Sophie-Charlotte - die historische
Welfenprinzessin, die später zur preußischen Königin gekrönt wurde - ihr
eigenes leichtfüßiges, verspieltes Thema hat, wird es drohend und
dunkel, wenn es um Fanfusko und seine bösen Pläne geht. Pianist Ernst
Surberg vom »Ensemble Mosaik» brachte neben dem Klavier noch zahlreiche
weitere Instrumente wie Bongos, einen Gong, Glockenspiele und Spieluhren
zum Klingen. Für die Kinder wurde das Kinderkonzert so zu einem Ausflug
in eine poetische und spannende - manchmal auch etwas gruselige - Welt
voller Klänge, deren Ursprung einige von ihnen im Anschluss an das
Konzert erkundeten: Dann untersuchten sie das Klavier, um das herum und
auf dessen offen liegenden Saiten Ernst Surberg die verschiedenen
weiteren eingesetzten Instrumente aufgebaut hatte. Die Mutigen unter
ihnen probierten auch einmal die Schelle oder die Spieluhren selbst aus.
Die Tatsache, dass auch ein Pümpel oder ein Glas zu einem
Musikinstrument werden können, war - nicht nur - für die Kinder eine
interessante Einführung in »Neue Musik», die Lust auf mehr gemacht hat. Elbe-Jeetzel-Zeitung, 9.10.2007